Handball 2. Liga: Ein Aufsteiger mischt die Bundesliga auf

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Von Anne Lüken (Grafschafter Nachrichten)

Nordhorn Die Handballer der HSG Nordhorn-Lingen verlassen die 2. Liga und stellen sich einer neuen Herausforderung. Nach der Euphorie des Aufstiegs schwelgen viele Fans der Mannschaft in Erinnerungen. Es ist nicht das erste Mal, dass die HSG in der ersten Handball-Bundesliga mitmischt. Vor ziemlich genau 20 Jahren lieferte sich die Mannschaft von Trainer Kent-Harry Andersson in der damals noch geteilten zweithöchsten Spielklasse mit der SG Hameln einen engen Kampf um den Titel in der Nord-Staffel und schaffte wie nun das Team von Heiner Bültmann den Sprung in die höchste Spielklasse. Die Affinität des Schweden Andersson zur 6:0-Deckung und zum schnellen Spiel durch viele Tempogegenstöße prägte die Spielweise der HSG. Auch wichtige Spieler wie Glenn Solberg, der norwegische Spielmacher des Teams, oder Jochen Fraatz, der nach seiner Karriere als Top-Torjäger beim Spitzenklub TuSEM Essen und in der deutschen Nationalmannschaft zur aufstrebenden HSG gestoßen war, trugen zum Erfolg bei.

Schon beim ersten Spiel gegen den TuS Schutterwald wurde klar, dass die Nordhorner in der neuen Liga gut aufgehoben waren. Mit 29:24 (14:8) schickten sie ihre süddeutschen Gegner nach Hause. Vom Trainer der Gäste, Martin Heuberger, ernteten sie Anerkennung für ihre Spielweise. Aufgrund einer zwischenzeitlichen Schwächephase während des Spiels blieb Andersson jedoch bescheiden. „Wir haben heute viel gelernt. In der 1. Liga muss man 60 Minuten konzentriert sein. Ein besserer Gegner bestraft solche Nachlässigkeiten“, betonte der HSG-Coach. Arno Ehret, Trainer des VfL Gummersbach, war sich schon zu diesem Zeitpunkt über die Klasse des Neulings im Klaren: „Nordhorn ist eine absolute Bereicherung für die Erste Liga“, sagte der Weltmeister von 1978.

Beim nächsten Punktspiel bestätigte sich diese Aussage. Auch in Gummersbach holten die HSG-Handballer mit einer Fünf-Tore-Führung und einer starken zweiten Halbzeit zwei Punkte. Glenn Solberg führte die als homogene Einheit glänzende Mannschaft zum 28:23-Erfolg. Schon nach dem zweiten Spieltag stand die HSG somit auf Platz vier in der Tabelle.

Nach weiteren Siegen gegen Bayer Dormagen (28:17) und die HSG Wetzlar (27:19) kletterten die nach vier Spieltagen unbesiegten Nordhorner an die Tabellenspitze – punktgleich mit dem THW Kiel, gegen den sich die HSG im folgenden Heimspiel beweisen durfte. Der spätere Meister unterbrach zwar die Siegesserie des Aufsteigers, der sich beim 26:26 im ausverkauften Euregium jedoch auf Augenhöhe mit dem Serienmeister befand. In einem packenden Duell, das 13:13 zur Halbzeitpause stand, gelang es der HSG, sich in der 37. Minute mit drei Toren abzusetzen. Diese Führung hielt sich jedoch nicht lange, als die Schleswig-Holsteiner vier Tore hintereinander einnetzten. In einer zehnminütigen Schwächephase konnten die HSG-Handballer kein einziges Feldtor erzielen. Nur Jochen Fraatz punktete von der 7-Meter-Markierung. Im weiteren Spielverlauf gab es ein ewiges Auf und Ab zwischen den beiden Teams. Zum Schluss erhitzte sich die Stimmung im Euregium, weil die Schiedsrichter Fraatz‘ Wurfversuch als Stürmerfoul werteten, woraufhin der THW Kiel das Unentschieden besiegeln konnte.

Die HSG behauptete sich weiter an der Tabellenspitze. In der nächsten Partie degradierte sie den TV Willstätt, erteilte dem Mitaufsteiger beim 33:16-Sieg eine Lehrstunde. Kent-Harry Andersson bejubelte seine Mannschaft: „Wir haben halt alles getroffen.“

Gegen die SG Wallau/Massenheim aus Frankfurt mussten die Grafschafter wieder einen Punkt abgeben. Vier Sekunden vor dem Schlusspfiff ließen sie Nationalspieler Jan-Olaf Immel bei einem Freiwurf ungehindert werfen. Besonders schwer taten sich die Nordhorner mit der 5:1-Abwehr der Gegner. Damit wurde das sonst so flüssige Passspiel der HSG unterbrochen und durch den vorgezogenen Gegenspieler ergaben sich Probleme mit der Lenkung des Spiels.

Am achten Spieltag kassierte die HSG bei der SG Flensburg-Handewitt ihre erste Niederlage. Die Partie endete mit 22:30, obwohl die Nordhorner beim Seitenwechsel nur mit einem Tor zurückgelegen hatten. Der bestimmende Faktor lag in der Umstellung der Gastgeber auf eine 3:2:1-Abwehrformation, mit der die Spieler von Trainer Andersson zu kämpfen hatten. Zum Duell gegen Flensburg merkte der Schwede an: „Wir haben in der zweiten Halbzeit nicht mehr ganz so gut gespielt, aber wir sind auch nur Aufsteiger. Flensburg war die bessere Mannschaft.“

Vor 20 Jahren hat die HSG erfolgreich die Bundesliga aufgemischt und für Furore gesorgt. Am Ende der Saison standen die Nordhorner auf dem fünften Platz – punktgleich mit dem TBV Lemgo auf Rang vier. Sie verpassten so nur wegen der um zehn Tore schlechteren Trefferbilanz die Qualifikation für den Europapokal. Ein solches Aufstiegsmärchen wird sich in der Saison 2019/20 kaum wiederholen lassen, dazu sind die Vorzeichen heute und vor 20 Jahren zu unterschiedlich. Getragen von der Euphorie und mit der Unterstützung der Fans geht die Mannschaft von Heiner Bültmann das Unternehmen Klassenerhalt an; dieses Ziel zu erreichen, ist der HSG zuzutrauen – und wäre ebenfalls ein großer Erfolg.